Krankheits-Einsicht

  • Es gibt nur wenige Erkrankungen, die durch eine derart schlechte Reputation gekennzeichnet sind, wie es auf sämtliche stoffgebundenen Suchtkrankheiten zutrifft.
    Umso verständlicher ist es, dass vom Betroffenen mit allen Kräften versucht wird, die eigene Abhängigkeit zu verheimlichen.
  • Für Sie, als betroffene Ärztin / betroffener Arzt, ist es daher wichtig, wie Sie sich zum Thema Sucht im Allgemeinen stellen, und welche Position Sie bezüglich der Problematik substanzgebundener Abhängigkeiten überhaupt einnehmen.

  • Sind aus Ihrer Sicht die Kriterien für Krankheit erfüllt, wenn unkontrollierter Alkoholkonsum, süchtiger AM-Missbrauch oder regelmäßiger Konsum illegaler Substanzen vorliegt? Oder halten Sie das Ganze mehr für eine Störung, die mit genügend Willenskraft und Charakterstärke beseitigt werden könnte?

  • Sollten Sie Sucht und Abhängigkeit bei anderen Menschen als Ausdruck von schwachem Willen und schlechtem Charakter ansehen, verbauen Sie sich selbst natürlich auch jegliche Möglichkeit, sich in Ihrer eigenen Suchtproblematik erkennen zu geben und helfen zu lassen.

  • Die Wahrscheinlichkeit ist glücklicherweise höher, dass Sie als verantwortungsbewusste/r Ärztin/Arzt die Sucht Ihrer Patienten als behandlungswürdige und -bedürftige Krankheit ansehen, und entsprechend Sorge dafür tragen, dass Ihr Patient zu der notwendigen Krankheits-Einsicht findet.
  • Leider führt derselbe Sachverhalt, die eigene Person betreffend, aber in keiner Weise selbstverständlich zur Krankheits-Einsicht und zu konsequentem Sich-Helfen-Lassen.
    Für viele Kolleg/en/innen wird der völlig überzogene Anspruch an die eigene Gesundheit zu einer Art von 'Unverletzlichkeitswahn', der das eigene Kranksein überhaupt verbietet.
    Wenn ich als Arzt schon keine der vielen 'gesellschaftsfähigen Krankheiten' haben darf, mit denen ich mich tagtäglich bei meinen Patient/en/innen auseinander zu setzen habe - und ganz ehrlich, wer geht schon gern zu einem bekanntermaßen kranken Arzt in die Sprechstunde? - um wie viel mehr gilt das dann erst für 'tabuisierte Krankheiten' mit einer derart schlechten Reputation, wie dies auf alle Formen der Suchtkrankheit zutrifft.
  • Die Kunst ist demnach, zu einer Krankheits-Einsicht zu kommen, ohne dass ich aus meinem Eingeständnis suchtkrank zu sein und Hilfe zu benötigen gleichzeitig schlussfolgere, ich müsse ein 'Loser' sein, willensschwach und von fragwürdigem Charakter, vermutlich als Arzt / Ärztin für immer gescheitert und mittendrin, die eigene Biographie an die Wand zu fahren.
  • Solange die 'Einsicht' als Anerkennung der persönlichen Niederlage empfunden wird, werden Sie alles in Ihren Kräften und Möglichkeiten stehende dafür tun, um sich dieser zu verschließen.
    Gleichzeitig läuft die Zeit, und zwar gegen Sie. Mit jedem Tag, den Sie warten, die Sucht verleugnen und Ihr Konstrukt zur Tarnung weiter ausbauen, verfestigt sich Ihre Abhängigkeit und verschlechtert sich Ihre Prognose.
  • Auch das häufig vorgeschobene Argument, als Arzt / Ärztin ja sowieso über die fachlichen Kenntnisse und Fertigkeiten zu verfügen, alles über Suchterkrankungen zu wissen und daher selbst sein bester Therapeut zu sein, ist falsch! Selbst die ernstgemeintesten Anstrengungen des / der Betroffenen in Richtung 'Selbsttherapie' sind die eines suchtkranken und hilfebedürftigen Menschen.
  • Die eigenen Fähigkeiten als Arzt / Ärztin qualifizieren Sie in Bezug auf die eigene Suchtproblematik in keiner Weise, und der eigene hohe Anspruch, als Medizinalperson nicht krank sein zu dürfen, ist absurd.
 
 
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