Ein Doppelleben als Arzt und heimlicher Patient

  • Obwohl die Anfälligkeit von Ärzt/en/innen für den Missbrauch von Arzneimitteln seit Jahrzehnten bekannt ist, findet diese Thematik nur zögerlich Eingang in die ärztliche Aus- und Weiterbildung. Der überwiegende Anteil unseres ärztlichen Nachwuchses erhält bis heute die Approbation ohne einschlägige Kenntnisse bezüglich des Auftretens von und des professionellen Umganges mit substanzabhängigen Kolleg/en/innen. Ebenso wie der Krankheitskomplex des Burn-out und der Depressionen sowie der Suizidalität bei Ärzt/en/innen ist auch die Substanzabhängigkeit ein Stiefkind in der ärztlichen Ausbildung. Gemeinsam ist diesen Erkrankungen die - leider auch unter Ärzt/en/innen - weit verbreitete Einschätzung, dass ihr Auftreten Rückschlüsse auf Charaktereigenschaften, Persönlichkeitsmerkmale, Belastbarkeit und Willensstärke zulassen.
  • Kein Wunder ist es daher, dass sowohl mit substanzabhängigen Kolleg/en/innen, als auch mit der eigenen Abhängigkeit oftmals höchst unprofessionell umgegangen wird.
    Dies führt zum einen dazu, dass die Betroffenen über viele Jahre in ihrer Problematik unerkannt bleiben, bzw. aus falsch verstandener Kollegialität gedeckt werden und somit ohne die notwendige Hilfe auf sich allein gestellt bleiben.
    Zum anderen kann der extrem überzogene Anspruch an sich selbst und die eigene Gesundheit eine realistische Selbsteinschätzung behindern. Das dauerhafte Verleugnen der eigenen Hilfebedürftigkeit mündet dann nicht selten in existenzielle Notlagen und lebensbedrohliche Zustände.

  • Das Wissen darum, dass Sie kein exotischer Einzelfall sind, sondern eine(r) von vielen tausenden Ärzt/en/innen die im Verlauf ihrer Berufstätigkeit abhängig werden, sollte Ihnen als Betroffene/r/m eine gewisse Hilfe sein. Keinesfalls sollte es Sie jedoch beruhigen oder dazu veranlassen, ihre Suche nach Hilfe weiter in die Zukunft zu verlegen.

  • Vielleicht denken Sie ähnlich wie: "das ist ja alles schön und gut, und für viele mag es ja auch ermutigend sein, dass es auch für Ärzt/e/innen Wege aus der Abhängigkeit gibt, nur bin ich bereits so lange und dermaßen hoch dosiert und darüber hinaus von mehreren Substanzen intravenös abhängig, dass für mich jegliche Hilfe einfach zu spät kommt". In diesem Fall möchten wir gerade Sie ansprechen, ermutigen und herausfordern! Es mag sein, dass Ihr Entzug langwieriger und auch Ihre Entwöhnung schwieriger sein wird im Vergleich zu manch anderem, der sich bereits frühzeitig Hilfe sucht. Aber 'süchtiger als alle anderen' oder 'derart süchtig, dass jegliche Hilfe vergebens ist', gibt es tatsächlich nicht.
    Jeder, und zwar ohne Ausnahme, hat die Möglichkeit abstinent zu werden und jeder kann erlernen, dies auch zu bleiben!
  • Als Ärztin/Arzt wissen Sie, dass Erkrankungen nicht dem Willen unterliegen. Ebenso kann Ihre Abhängigkeit nicht mit Willenskraft überwunden und geheilt werden, sondern ausschlaggebend hierfür ist - mehr als bei jeder anderen Krankheit - Ihre Entscheidung, die Situation ehrlich zu betrachten und Hilfe in Anspruch zu nehmen. Anders ausgedrückt: Allein Ihr Wille kann Sie nicht heilen, ist aber entscheidend dafür, ob Sie Heilung erfahren oder nicht.

  • Es gibt Hoffnung, und es gibt einen Weg aus der Sucht für Sie!
    Entscheiden Sie sich für diesen Weg und damit für Ihr Leben! Auch wenn die Entscheidung zunächst schwer fällt und mit einigen Veränderungen und auch Zugeständnissen verbunden ist. Was Sie anderenfalls erwartet, wird unvergleichlich schwerer werden und Sie letztlich zu erheblich größeren und schmerzhafteren Veränderungen zwingen.
 
 
zurück
Druckversion dieser Seite